©alamy

Professor Dr. Marlovits untersuchte in umfangreichen Tiefeninterviews mit Bewohnerinnen und Bewohnern der Region, wie sie ihre Heimat wirklich sehen

Bodenständig, direkt, mit einem herausfordernden Strukturwandel konfrontiert, grau, rau oder durch überraschend grün? Es gibt viele Eigenschaften, die man dem Ruhrgebiet und seinen Bewohnerinnen und Bewohnern zuschreibt. Doch wie ticken sie wirklich und vor allem: Was sind die Bedürfnisse, die sie haben? Einer, der endlich einmal ganz genau hingesehen hat, ist Prof. Dr. Andreas M. Marlovits. Im Auftrag der Brost-Akademie führte der Psychologe eine umfangreiche „Qualitativ-psychologische Wirkungsanalyse“ durch und erfuhr, dass es zwei völlig unterschiedliche Bilder des Lebensgefühls im Revier gibt. Im Interview verrät der Experte Hintergründe der Studie und welche Handlungsfelder sich daraus ergeben.

Welche psychologische Herangehensweise liegt Ihrer Analyse zugrunde?

Ich selbst habe mehrere Universitätsstudien gemacht, Psychologie, Sportwissenschaft und Theologie. An der Universität zu Köln lernte ich die Methode der Morphologischen Psychologie kennen, die auch im Rahmen der Wirkungsanalyse zum Ruhrgebiet zum Einsatz kam. Die Morphologische Psychologie setzt an komplexen Alltagseinheiten an, die sie zu verstehen sucht, wie zum Beispiel den Lebensraum des Ruhrgebiets. Solche Einheiten werden durch spezielle Befragungsmethoden wie das Tiefeninterview oder die Gruppendiskussion durch ihre Länge von gut zwei Stunden in allen Facetten ausgelotet. Damit erhält man ein vertieftes Verständnis vom Untersuchungsthema. Darin werden nicht nur bewusste und zum Teil zurechtgemachte Sichtweisen erfahrbar, sondern auch unbewusste, zum Teil weniger gemochte Einstellungen und Haltungen sichtbar. Aufgrund dieses vertieften Verständnisses lassen sich die Ergebnisse solcher aufwändigen Untersuchungen sehr gut nutzen, da sie die verschiedenen Seiten und Strukturen eines Wirklichkeitsbereichs in seinen Problemen und Chancen nutzbar macht. Insofern wird diese Methode heute von zahlreichen Unternehmen der Wirtschaft verwendet. Die Methode wird aber auch in anderen Bereichen, wie denen der Medien, des Sports, der Unternehmensberatung oder der Psychotherapie angewandt.

Wie haben sich die 60 Personen zusammengesetzt?

60 Personen so intensiv zu befragen, ist aus sozialwissenschaftlicher Sicht eine stattliche Zahl. Sie darf nicht verglichen werden mit statistischen Untersuchungen, die von viel größeren Fallzahlen ausgehen müssen, dafür aber deutlich kürzer und zielgerichteter befragen. Die Probanden kamen aus dem gesamten Ruhrgebiet, städtisch und ländlich geprägt. Wir haben jeweils zur Hälfte Frauen und Männer befragt im Alter zwischen 20 bis 70 Jahren. Circa ein Viertel wiesen einen türkischstämmigen Lebenshintergrund auf, um die Thematik Heimat aus Sicht einer Zuwanderungsgruppe erfahren zu können. Über mehrere Tage führten wir dann Gruppendiskussionen mit 10 Teilnehmerinnen und Teilnehmern mit der Dauer von zwei Stunden in Essen durch.

Und, welchen „Spirit“ konnten Sie bei der Befragung spüren?

Was sofort sichtbar und von den Befragten mit großer Leidenschaft beschrieben wurde, war das spezifische Lebensgefühl, das einem das Ruhrgebiet zur Verfügung stellt. Alle waren nahezu stolz, im Ruhrgebiet zu leben und sich als „Ruhrgebietler“ auch deklarieren zu können. Beschrieben wird das besondere Lebensgefühl am besten mit: „Hier kann man so leben, wie man ist.“ Gemeint ist damit das Gefühl, direkt, unverstellt und authentisch sein zu können. Im Umgang miteinander ist man offen, herzlich und unterstützend, aber auch direkt in Wort und Tat. Eine solche direkte Herzlichkeit ist sehr einladend und sympathisch. Das Lebensgefühl des Ruhrgebiets verbindet die Menschen in einer großen Identität. In ihr erkennt man sich und fühlt sich untereinander nahe. Ein solches spezifisches Lebensgefühl einer Region ist in dieser Form schon einmalig.

Konnten Sie Unterschiede im Alter oder im Geschlecht wahrnehmen?

Bezogen auf das Lebensgefühl konnten wir keine geschlechts- oder altersspezifischen Unterschiede feststellen. Es ist ein übergreifendes Gefühl, dass alle Altersstufen einnimmt und auch vor den Geschlechtern keinen Halt macht.

©imago

Wie definiert die Mehrheit „Heimat“, also welche Zutaten braucht man im Ruhrgebiet dafür?

Als Heimat wird von den Menschen im Ruhrgebiet dieses Lebensgefühl des „So-sein-Könnens“ beschrieben. Das setzt sich allerdings aus mehreren Zutaten zusammen, die das Ruhrgebiet konkret zu einer geliebten Heimat macht. Da ist zum einen die große Vielfalt im Ruhrgebiet, die sich sowohl in den Menschen spiegelt als auch in den unzählig vielfältigen Möglichkeiten im Alltag. „Wenn ich möchte, kann ich fünf Opern im Umkreis von 30 Minuten erreichen“ ist nur eine solcher Aussagen, die das beschreibt. Vielfalt prägt das ganze Leben im Ruhrgebiet. Zugleich erscheint das Ruhrgebiet trotz unglaublicher Einwohnerzahl und großem Gebiet überschaubar und selbstähnlich. Alles ist relativ schnell zu erreichen, auch wenn es sich mal staut. Dabei erlebt man sich in einem ständigen Übergang, da es im Ruhrgebiet alles auf engstem Raum gibt. „Du gehst vor die Tür, bist noch in der Stadt und wenige Ecken weiter bist du komplett im Grünen, wie in einer anderen Welt.“ Was das Heimatgefühl auch ausmacht, ist die tägliche Erfahrung der Leistbarkeit. Wohnen und tägliches Leben sind noch leistbar und erlauben den Zugriff auf die vorhandene Vielfalt. „In Hamburg würde ich durchaus auch gern wohnen, aber das kann ich mir nicht leisten. Für das Geld dort bekomme ich hier im Ruhrgebiet eine richtig große Wohnung.“

Was überwiegt bei den Bewohnerinnen und Bewohnern: Zufriedenheit mit ihrer Heimat oder Ängste, dass die Heimat immer mehr verblasst in ihren positiven Wesensmerkmalen?

Es ist beides da. Zum einen die Zufriedenheit und der Stolz auf das Leben daheim im Ruhrgebiet. Auf der anderen Seite liefert die Befragung sehr deutliche Hinweise auf beängstigende Veränderungen im Ruhrgebiet, die das positive Heimatgefühl deutlich schwächen.

©Ruhr Tourismus GmbH, OLFF APPOLD

Womit sind die Ruhrgebietlerinnen und Ruhrgebietler konkret zufrieden, was macht ihnen Angst?

Zufrieden macht alles, was das Leben im Miteinander sowie wirtschaftlich weiter gut leben lässt. Ängstlich machen Entwicklungen, die zum einen Teuerungen des alltäglichen Lebens betreffen, zum anderen den Zuzug von zu vielen Fremden, die (so schildern es viele Befragte) ihre eigene Gesetzlichkeit und wenig Integrationswillen aufzeigen. Das Sich-Abschotten ist quasi das Gegenbild zum Lebensentwurf des Ruhrgebiets, das auf ein Leben im Miteinander trotz Unterschiede setzt.

Wer ist gefragt, um Ängste zu lindern aus Ihrer psychologischen Sicht? Wollen die Menschen im Ruhrgebiet aktiv mitgestalten oder sehen sie eher ganz klar die Politik in der Pflicht?

Da ist zum einen die Politik in der Pflicht, und zwar in der Gestalt, dass sie einerseits die wirtschaftlichen Lebensbedingungen bezahlbar hält, zum anderen aber auch den Zuzug von Menschen so regelt, dass Integration auch möglich ist. Ein Zuviel bezahlt das Ruhrgebiet mit einer Aushöhlung der gemeinsamen Identität und schlussendlich auch mit politischen Entscheidungen an der Wahlurne.

Was sind aus Ihrer Erfahrung heraus und nach den Gesprächen Säulen der heutigen Ruhrgebiets-Identität? Gibt es diese überhaupt noch?

Die Ruhrgebietsidentität speist sich aus dem direkten, unverstellten Miteinander trotz kultureller Unterschiede und Identitäten. Dazu waren Arbeitswelten unter Tage maßgeblich, in denen man im wahrsten Sinn des Wortes Kumpel sein musste, sich auf den anderen verlassen und ihm trauen musste, trotz großer kultureller Unterschiede. Diese Erfahrungen schweißten zusammen und ließen einen Gemeinsinn entwickeln, der heute deutlich in Gefahr steht, in Einzelteile und -interessen zu zerfallen.

©Ruhr Tourismus GmbH, P.A.

Reicht diese neue Identität aus, um Gemeinschaft zu erzeugen und Krisen zu bewältigen? Oder bröckelt der gesellschaftliche Zusammenhalt so stark, wie es für alle Regionen Deutschlands aktuell so oft beschrieben (vielleicht ja auch beschrien) wird?

Der Zusammenhalt bröckelt auch im Ruhrgebiet. Die Menschen beschwören zum einen die alten Zeiten, zum anderen suchen sie nach neuen Identitätsformen, die aber noch nicht klar erkennbar sind und somit auch noch nicht so stark gelebt werden können. Hier können die Politik und sozial-kulturelles Engagement sehr helfen.

Steht sich das Ruhrgebiet mit seiner bisweilen nachgesagten Vergangenheitsglorifizierung selbst im Weg oder ist diese „Wir sind alle Kumpel“-Rückschau etwas, das uns eher tragen wird oder das wir noch gezielter positiv nutzen könnten?

Der Kumpel ist ein altes Bild der Zusammengehörigkeit und des Miteinanders, hoch attraktiv und lange Jahre gelebt. Es braucht für heute eine der heutigen Zeit und ihren Anforderungen aktuelles und vergleichbares Bild. Die Rückschau kann aber genutzt werden, um die Idee des Miteinanders im Ruhrgebiet zu bebildern und erfahrbar zu machen.

©imago

Welche Handlungsfelder lassen sich zusammenfassend aus der Studie ableiten, wo besteht der größte Handlungsbedarf?

Konkret geht es um die Förderung und Installation von Begegnungsmöglichkeiten. Was früher die Kneipen waren und teils noch sind, können heute anders gelagerte Begegnungsstätten sein, in denen sich Menschen unterschiedlicher Herkunft begegnen können. Die Schließung von Einrichtungen wie Schwimmbädern oder Spielplätzen sind konkrete Anliegen, die überdacht und ihr Weiterbetrieb auch entsprechen gefördert werden müssten. Ein deutlich attraktiver gestalteter Nahverkehr im Ruhrgebiet in seinen Leistungen und Preisgestaltungen wird ebenso moniert wie der Ausbau alternativer Verkehrsmöglichkeiten wie Fahrradwege zwischen den Städten. Am schwierigsten sind allerdings der Umgang und die Integration einer Vielzahl neuer Kulturen, die keine Möglichkeit haben, an den Notwendigkeiten des Lebens eine gemeinsame Identität auszubilden. Was tritt heute an das Bild des Kumpels? Hier müssen Anstrengungen von allen unternommen werden, um ein lebenswertes Miteinander im Ruhrgebiet wieder möglich zu machen.

Anna Hag

Anna Hag wurde 1982 in Gladbeck geboren. Sie studierte Medienwissenschaft und Anglistik/Amerikanistik an der Ruhr-Universität Bochum und ist Journalistin aus Leidenschaft, aktuell bei Raufeld Medien. Sie liebt spannende Menschen, emotionale Geschichten – und das Ruhrgebiet.

Autorenzeichnung: © raufeld / Martin Rümmele

Letzte Kommentare