Mitreißende Trompeten-Klänge, anspruchsvolle Melodien, ausverkaufte Konzerte. Diese Vorstellung hat bestimmt jeder von uns, wenn er an Jazz-Komponist und Star-Trompeter Till Brönner denkt. Doch seine Kreativität lebt Brönner auch in anderer Form aus, und ehrt mit seinen Fotos das Ruhrgebiet in Projekten, die nicht nur Pott-Bewohnerinnen und -bewohner begeistern.

Was haben Jazz und das Revier gemeinsam? Auf den ersten Blick vermutlich wenig. Wirken wir doch eher wie die Region mit Faible für Fußballhymnen, Steigerlied und Schlager-Hits. Zumindest in den Klischee-dominierten Köpfen Außenstehender. Einer, der jedoch einen gemeinsamen Nenner herausgekitzelt hat, ist, wie sollte es auch anders sein: Musiker. Für Deutschlands Jazz-Ikone Till Brönner ist klar: „Im Ruhrgebiet hat man definitiv das Improvisieren gelernt. Und das ist ja nun mal im Jazz die wichtigste Zutat. Das kenn ich vom Jazz und das ist den Menschen hier in die Wiege gelegt. Das übersetzt man, glaube ich, weithin mit Zuversicht.“

Brönner wurde in Viersen bei Düsseldorf geboren. Als Kind lebte er kurzzeitig in Rom, er studierte in Köln, nennt heute Berlin und Los Angeles sein Zuhause und reist intensiv – immer mit seiner Trompete, nie ohne seine Kamera. Letztere war eher eine Liebe auf den zweiten Blick. „Ich bin oft genug fotografiert worden und es hat mich eigentlich nie interessiert, die Seiten zu wechseln. Bis ich dann die Musik zu einem Film über den Musikfotografen William Claxton geschrieben habe“, so der Trompeten-Virtuose in einem Interview. 2009 kaufte sich Brönner seine erste Leica M8. Zunächst fotografierte er Musikerkollegen, dann fertigte er Porträts von Schauspielerinnen und Schauspielern, Sportlerinnen und Sportlern, Autorinnen und Autoren. Heute ist er längst auch ein anerkannter Fotografie-Virtuose.

„Das Ruhrgebiet hat in seiner Geschichte unterschiedlichste Rollen gespielt. Mich interessiert, was das aus den Menschen macht.“

Melting Pott: Bilder, die bewegen. Credit: IMAGO / Funke Foto Services / Lars Fröhlich

 

Wie das Ruhrgebiet da reinpasst? Ein Bergmann mit Helm und Grubenlampe auf dem Kopf? Ein Hobbygärtner im Schrebergarten? Eine Pudel-Frisörin? Die A40? Prosper Haniel? Allesamt hat Brönner fotografiert, fast 200 Bilder sind es geworden. „Das Ruhrgebiet hat in seiner Geschichte unterschiedlichste Rollen gespielt. Es war Waffenschmiede, Motor des Aufschwungs, dann Sanierungsfall. Mich interessiert, was das aus den Menschen macht“, erklärt der Jazz-Star. Ein Jahr lang reiste er durch den Pott, zu dieser Reise animiert hatte ihn Bodo Hombach, Vorsitzender der Brost-Stiftung, zu der auch das Projekt CheckPott gehört. 2019 feierte die Ausstellung „Melting Pott“ im MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst in Duisburg Premiere. Markante Landschaften, fesselnde Industriekulissen – und vor allem: besondere Menschen.

Die Geschichte, den Charakter, die Identität einfangen: Das gelingt Brönner mit viel Gespür. Man muss nicht im Pott wohnen, um den Zauber, die Herausforderungen, seine Schönheit und seine Schäbigkeit einzufangen. Vielleicht sogar sollte man es auch gar nicht. Wenn Brönner sagt: „Schönheitswettbewerbe gewinnt man woanders, aber das Ruhrgebiet hat keine Schwärmerei nötig“, bringt er auf den Punkt, was viele Bewohnerinnen und Bewohner hier denken und fühlen. Wir sind, wie und was wir sind. Ob andere das gut finden, ist egal. Der tägliche Struggle ist schon anstrengend genug und wir beherrschen ihn ohne Hilfe, und besonders ohne Mitleid. Wertschätzung, die ist wichtig.

Eine Tanzperformance über den Wesenskern des Potts: Bei ihm funktioniert‘s

Brönner zeigt sie und bleibt der Region auch über „Melting Pott“ hinaus treu. Erst im Juni dieses Jahres wagte er gemeinsam mit Choreographin Nicole Beutler einen ganz besonderen Zugang zum Revier. „PULSE!“, beauftragt von der Brost-Stiftung und aufgeführt im Schauspielhaus Bochum, wurde ein mitreißendes Stück mit Musik, Tanz, Bildgewalt und frei von Klischees. „Eine Feier des Lebens“, nennt die WAZ die Performance im Auftrag der Brost-Stiftung.

Pulse! Tanzperformace. Credit: Birgit Hupfeld

 

Der ehrliche, unverstellte, aber eben auch moderne und freie Blick: Er kommt an über die Grenzen Deutschlands. Auch der „Melting Pott“ geht weiter, wurde als „Melting Pott Europe“, erweitert um verschiedene europäische Regionen. Und plötzlich hängen die vielen Facetten des Ruhrgebiets auch in Kattowitz und Budapest und begeistern Zuschauerinnen und Zuschauer.

Verschmelzen oder nebeneinander vereint? Im Revier geht beides

Schmelztiegel lautet die leicht sperrige Übersetzung des englischen Begriffs melting pot, auf den der Ausstellungsname zurückgreift und ihn mit dem Wortspiel „pott“ bereichert. Verschmolzen sind wir hier im Ruhrgebiet, mit unserer Geschichte, in verschiedenen Herkünften und Ansichten. Ob wir wirklich gut darin sind? Jedenfalls nicht schlechter als andere. Schmelztiegel funktioniert als Begriff für die Fusion von Alt und Neu, für Wandel, der früher, heute und morgen vereint. Kulturell sind wir aber auch „salad bowl“, ein Begriff von Soziologen, wonach Vielfalt und Multikulturalität betont und die Bewahrung verschiedener Identitäten innerhalb einer Gesellschaft anerkannt werden. Das Wir als Mosaik und dann wieder verschmolzen: Für eine Region aus verschiedensten Puzzleteilen, mal mit viel Gemeinsamkeit und dann wieder mit komplett auseinanderdriftenden Mentalitäten, gibt es nicht die eine soziologische Version. Wir sind Menschen, deren Geschichten erzählt – und gehört werden sollten.

 

Das ist Till Brönner:

Till Brönner ist der erfolgreichste deutsche Jazztrompeter. Obwohl er als äußerst virtuos auf seinem Instrument gilt, eilt ihm der Ruf eines „deutschen Chet Baker“ nach. Brönner studierte Jazztrompete an der Hochschule für Musik Köln. Sein erstes eigenes Album „Generations of Jazz“ mit Ray Brown, Jeff Hamilton, Frank Chastenier und Grégoire Peters erschien 1993 und erhielt auf Anhieb den Preis der Deutschen Schallplattenkritik. Infolge spielte er mit internationalen Jazzgrößen wie Dave Brubeck, Tony Bennett, Mark Murphy, James Moody, Monty Alexander, Nils Landgren sowie Klaus Doldinger und Joe Sample.

Des Weiteren produzierte und komponierte er für Hildegard Knef das Album „17 Millimeter“ (1999) und schrieb Soundtracks für die Dokumentationen „Jazz Seen“ über den amerikanischen Jazz- und Modefotografen William Claxton sowie „Höllentour“ von Pepe Danquart. Ebenfalls produzierte Brönner zwei in der Fachwelt hochgelobte Alben des amerikanischen Jazzsängers Mark Murphy, was ihm auch international viel Aufmerksamkeit einbrachte. Zu Brönners 18 Studio-Alben zählen alleine elf Alben zum legendären Universal-Label „Verve“. Seine meist in Los Angeles aufgenommenen Alben erreichten wiederholt Goldstatus.

Als vollendeter Musiker bestreitet Brönner internationale Konzerttourneen mit seinen zahlreichen Ensembles, darunter sein Duo (mit Bassist Dieter Ilg), sein Septett und (seit 2015) das 20-köpfige Till Brönner Orchestra, sowie sein Projekt mit dem klassischen Trompeter Sergei Nakariakow. Er spielt regelmäßig auf den wichtigsten Bühnen der Welt, etwa in der Carnegie Hall in New York und im Blue Note Jazz Club in Tokio oder bei führenden Jazzfestivals.

Seit 2010 arbeitet Brönner verstärkt auch als Fotograf. Seine Portraits, die er meist mit einer „Leica M“ Kamera fotografiert, sind Ende 2014 in dem Bildband „Faces of Talent“ (teNeues Verlag) erschienen.

Anna Hag

Anna Hag wurde 1982 in Gladbeck geboren. Sie studierte Medienwissenschaft und Anglistik/Amerikanistik an der Ruhr-Universität Bochum und ist Journalistin aus Leidenschaft, aktuell bei Raufeld Medien. Sie liebt spannende Menschen, emotionale Geschichten – und das Ruhrgebiet.

Autorenzeichnung: © raufeld / Martin Rümmele

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